Yin und Yang des Menstruationszyklus

Im Verlauf des Zyklus wandeln Yin und Yang sich unaufhörlich. Abwechselnd wachsen sie und gehen auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung in ihr Gegenteil über. Die Chinesen sprechen von Ebbe und Flut.

Eine Frau, die dieses subtile Wechselspiel versteht und erlebt, kann im Fluss ihrer eigenen Energie leben und dabei –wie ein Gezeitenkraftwerk– auf große Kräfte zurückgreifen, anstatt mühevoll immer wieder gegen sich selbst zu arbeiten.

Erste Zyklusphase – die Sammlung:

Wachsendes Yin (vom Ende der Menstruation bis zum Eisprung)

Während dieser Phase entwickelt sich die Yin-Kraft, und die Frau ruht zunehmend stabil in sich selbst.

Die Uterusschleimhaut baut sich auf. Dies ist eine ruhige Phase, in der die Frau eher nach innen blickt, ihr Leben überdenkt und Ressourcen sammelt. Störungen dieser Phase sind nicht selten, werden aber nicht so häufig wahrgenommen wie Störungen der dritten, prämenstruellen Phase.

Das Yin richtet sich nach innen. Bei Störung entsteht eine ruhige, matte und lustlose Traurigkeit. Ausfluss, dicke Beine, Schweregefühl und Bindegewebsschwäche sind körperliche Anzeichen davon.

Solche Probleme sind meist durch zu viel Feuchtigkeit bedingt und werden durch Stärkung der Erde behoben.

Zweite Zyklusphase – die heißen Dämpfe:

Das junge Yang entsteht (Eisprung und eventuell Befruchtung)

Dies ist eine geheimnisvolle Phase, in der, wie es in China heißt, die heißen Dämpfe entstehen. In der Atmosphäre der heißen Dämpfe können männliche und weibliche Essenz verschmelzen. Damit diese Dämpfe entstehen, muss das junge Yang wie ein zündender Funke das nun voll entwickelte Yin in Aufruhr versetzen.

Dies gelingt nicht immer. Dann bleibt nicht nur die Ovulation aus. Fehlt der zündende Funke, wächst das Yang nur zögerlich: Solchen Frauen fehlen oft Pep, Esprit, Lebenslust und sexuelle Ausstrahlung. Die Chinesen sprechen vom kalten Unterleib.

Die Betroffenen neigen dazu, ihr Leben ordentlich und präzise zu planen. Metallkräfte nehmen überhand und verhindern Spontaneität. Erst wenn die ebenfalls präzise geplante Schwangerschaft ausbleibt, zeigt eine Untersuchung der Basaltemperatur, dass es gar nicht zum Eisprung gekommen ist.

Dritte Zyklusphase – das Anschwellen:

Wachsendes Yang (nach dem Eisprung bis zur Menstruation)

In der zweiten Zyklushälfte, nach dem Eisprung, steigt das Yang kontinuierlich bis zur Menstruation an. Die Körpertemperatur ist nun höher als in der ersten Zyklushälfte. Die Anwesenheit des Yang zeigt sich bei der Frau durch Kraft und Lust an körperlicher Aktivität. In dieser Phase hat sie Schwung und Energie.
Dies ist die Zeit, sich Herausforderungen der Außenwelt zu stellen, geplante Projekte zu realisieren, Auseinandersetzungen offen auszutragen und schon lange anvisierte Liebhaber zu verführen. Der Körpergeruch wird animalischer und der Unterleib heißer.

Wenn diese Energie nicht umgesetzt oder genutzt wird, staut sie sich im Inneren des Körpers. Es entsteht gereizte Stimmung, emotionale Erregbarkeit, Übersensibilität und eine unübersehbare Anzahl von zum Teil sehr intensiven körperlichen Missempfindungen.

Vierte Zyklusphase – die Flut:

Extremes Yang schlägt in junges Yin um (Menstruation)

Auf dem Höhepunkt der Yang-Entfaltung kocht das Meer des Blutes, die Essenz der Frau, über. Es kommt zur Blutung. Die Blutung ist nur möglich, wenn die Ursprungskraft in den Nieren voll entwickelt ist.

Dies ist im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren der Fall. Diese in chinesischen Klassikern genannte Altersgrenzen können entsprechend der angeborenen Kraft der Frau und ihrer Lebensführung stark variieren.

Der Moment, in dem das alte Yin vergeht und das Yang sich ins Extrem entfaltet und aus sich heraustritt, das neue körperliche und bewahrende Yin aber noch nicht geboren ist, ist der Zeitpunkt der völligen Öffnung und Ekstase. Hier kann die Frau sich von der starken Yang-Flut aus sich selbst heraustragen lassen.

Der gleiche Zustand wird auch während einer Geburt erlebt. Die Frau kann Zutritt zu Dimensionen erlagen, die normalerweise nur medial begabten Menschen oder Menschen unter dem Einfluss bestimmter Drogen offen stehen.

Dieser Moment ist sehr kurz und wird viel zu selten bewusst erlebt.

Stattdessen leiden viele Frauen unter Schmerzen, die ihre Ursache in schon vorher blockiertem Qi oder eingedrungener Kälte haben. Das Hantieren mit Tampons und Schmerzmitteln, Schweißausbrüche, Erschöpfung und die „Notwendigkeit“, sich ja nichts anmerken zu lassen, nehmen die meisten Frauen voll in Anspruch. Keine Zeit für Ekstase.

Da es niemals ein Yang ohne ein Yin gibt, ist auch in dieser Phase des extremen Yang schon der Keim für das junge Yin enthalten. Während die Energien sich nach außen voll entfalten, entsteht in der Frau ein nach innen gerichteter Sog. Dies ist der Moment in dem sie offen und sensibel für sehr feine Wahrnehmungen ist.

Die intuitiven Fähigkeiten sind voll entfaltet – wenn sie es zulässt.

Aus dem jungen Yin wird, wenn die Menstruation beendet ist, in der folgenden Zyklusphase der Sammlung das stabile und ausgereifte Yin.

Nun ruht die Frau wieder in sich und kann sich sammeln.

aus: Der Weg der Kaiserin / Li, Krautwald